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POLITiS Studienkreis

Geld - Was die Welt im Innersten zusammenhält?

Aktuelle Fragen rund um die Geldpolitik und Finanzwirtschaft

POLITiS-Gespräche im Frühjahr 2018, Bibliothek Kulturen der Welt, Bozen

Das Geld ist zu wichtig, um es allein Wirtschaftswissenschaftlern zu überlassen; die Geldschöpfung zu wichtig, um sie nur Bankiers zu überlassen; die Geldpolitik zu wichtig, um sie nur Politikern zu überlassen. Zum individuellen Umgang mit Geld beraten uns Banken, Versicherungen, Finanzdienstleister und auch die Caritas. Doch wie steht es mit der Kenntnis der Hintergründe der Geldpolitik? Warum muss die öffentliche Hand laufend private Banken retten? Wer erzeugt das elektronische Giralgeld, das fast 90% des Gelds ausmacht, das wir täglich nutzen? Wer profitiert von der Staatsverschuldung? Warum unternimmt die EU nichts Wirksames gegen Steuersümpfe, obwohl damit den Staaten Milliarden an Einnahmen entgehen? Warum bleibt das globale Finanzcasino ungestört, obwohl 99% der Menschen keinen Nutzen daraus ziehen?
Auf solche und weitere Kernthemen der Geldpolitik und Finanzwirtschaft geht diese Veranstaltungsreihe politischer Bildung ein. Die Treffen sollen zum Teil schwierige Zusammenhänge für den Laien verständlich erhellen und verschiedene Sichtweisen auf heutige Probleme der Finanzwirtschaft zur Diskussion stellen. Dabei kommen Fachleute aus verschiedenen Sparten mit aktuellen Analysen zu Wort, Alternativen für eine gemeinwohlbezogene Geldordnung und für ein ethisch begründetes Kreditwesen werden vorgestellt. Mit dieser 8-teiligen Veranstaltungsreihe bietet POLITiS in Zusammenarbeit mit OIKOCREDIT Südtirol einen Raum, einige zentrale Fragen der Geldpolitik und Finanzwirtschaft zusammen mit Fachleuten und im Austausch mit allen Teilnehmern zu vertiefen.

1 Die Geschichte des Geldes – Eine Geschichte der Schulden

Schulden: die ersten 5000 Jahre

Dienstag, 20.2.2018, 18-20 Uhr
Paul Kircher
Human Economy Südtirol
Christoph Pizzini
Human Economy Südtirol
Moderation
Hans Schwingshackl

Die weltweiten globalen Schulden, privat und öffentlich zusammen, erreichen derzeit 220 Billionen Dollar, zweieinhalb Mal so viel wie die gesamte jährliche Weltwirtschaftsleistung. Italiens Staatsschulden lagen Ende 2017 immer noch bei 132% der Jahreswirtschaftsleistung. Auch die Verschuldung der Familien und Unternehmen steigt. Überschuldung ist nicht nur Auslöserin von Konkursen, sondern auch Mitgrund für Krisen, Kriege, Knechtschaft. Geld ist nicht nur Wertmaßstab, Tauschmittel und Wertaufbewahrungsmittel, sondern kommt vor allem als Kredit, als „Schuldgeld“ in Umlauf. Das Giralgeld ist eine Verbindlichkeit (Schuld) der Banken, deren Einlösbarkeit nur vom Vertrauen der Kunden abhängt.
Schulden sind der effizienteste Gesellschaftsvertrag, schreibt der Erfolgsautor David Graeber („Schulden - Die ersten 5000 Jahre“). Schuldbeziehungen werden seit Urzeiten (Mesopotamien) schriftlich registriert, politisch geregelt, rechtlich sanktioniert. Wie ist diese Kultur der Schulden entstanden? Wie gehen die Weltreligionen damit um? Welche Bedeutung haben die monetären Schulden für unser Leben und Lebensgefühl heute? Und muss es einen derart hohen Verschuldungsgrad für Wachstum und nachhaltigen Wohlstand geben?

2 Wer bändigt die internationalen Finanzmärkte?

Das globale Finanzcasino

Dienstag, 6.3.2018, 18-20 Uhr
Alberto Filippi
Autor und Finanzexperte
Christian Troger
ATTAC Südtirol, UIL/SGK
Moderation
Claudio Campedelli

10 Jahre nach Beginn der letzten Finanzkrise haben die globalisierten Finanzmärkte immer noch weitgehend freie Hand. Viele Großbanken und Versicherungskonzerne haben dank Bankenrettung ihr Konkursrisiko sozialisiert und betreiben das globale Finanzcasino wie vor der Krise weiter. Allein die Devisengeschäfte haben ein 70 Mal größeres Volumen als jenes des gesamten Welthandels mit Gütern und Dienstleistungen. Derivate dominieren das globale Finanzcasino, ihr Nennwert der Derivate übersteigt das Welt-BIP um rund das Zehnfache. Der Hochfrequenzhandel wickelt Geschäfte per Computer in Sekundenbruchteilen ab. Dabei geht es vorwiegend um Wettgeschäfte ohne Nutzen für die reale Wirtschaft und die Menschen.
Der Kapitalverkehr mit „Steueroasen“, eigentlich eher Steuersümpfe, bleibt frei, kaum ein Finanz-Hochrisikoprodukt ist verboten worden, es gibt keine wirksame Besteuerung der Finanztransaktionen und viel zu wenig Transparenz. Das Finanzvermögen, von billigem Kredit befeuert, wird im Verhältnis zur realen Wirtschaftsleistung immer größer, sorgt für ungerechtere Verteilung und weniger Stabilität. Wo bleibt eine globale Finanzaufsicht? Welche Funktion erfüllen diese Märkte überhaupt? Wie können die Finanzmärkte demokratisch kontrolliert werden?

3 Eine Gemeinschaftswährung mit Konstruktionsfehlern

Im Euro gefangen?

Dienstag, 27.3.2018, 18-20 Uhr
Robert Weißensteiner
ehem. Chefredakteur
Südtiroler Wirtschaftszeitung
Sepp Kusstatscher
ehem. Mitglied des
Europaparlaments
Moderation
Thomas Benedikter

In der letzten Finanzkrise ab 2008 hat der Euro eine Bewährungsprobe erlebt, als mehrere Euroländer einschließlich Italiens in eine bedrohliche Schuldenkrise gerieten. Unter dem Druck des Finanzmarktes gerieten zuerst Großbanken, dann einige Staatshaushalte und schließlich der Euro selbst ins Schlingern. Hunderte von Milliarden mussten für den Euro-Rettungsschirm aufgebracht werden, hochverschuldete Euroländer wurden zu rigiden Sparprogrammen gezwungen. Die EZB, die EU, die Eurogruppe haben zwar auf die Krise reagiert, doch die Gemeinschaftswährung zeigt immer noch deutliche strukturelle Schwächen. Spannungen zwischen den südlichen und nördlichen Euroländern haben sich aufgetan. Mit dem Vorschlag einer gemeinsamen Euro-Fiskalpolitik mit einem Euro-Finanzminister und eigenem Budget will Frankreichs Präsident Macron das System stabilisieren. Würden damit die wesentlichen Konstruktionsfehler des Euro behoben? Wie sieht eine stabile Rettungsarchitektur aus? Wird Italien versucht sein, aus dem Euro auszusteigen? Wird sich ein harter Kern stabiler Euro-Länder bilden? Kommt es zu einer „Transfer-Union“ oder gar zur Vergemeinschaftung der Schulden?

4 Welche Wirkungen, welcher Ausweg aus der Staatsverschuldung?

2200 Milliarden Euro Staatsschulden

Dienstag, 10.4.2018, 18-20 Uhr
Alexander Brenner-Knoll
Wirtschaftspublizist WIKU Dolomiten, Autor
Thomas Benedikter
Wirtschaftswissenschaftler, POLITiS
Moderation
Hans Schwingshackl

132% der jährlichen Wirtschaftsleistung Italiens, das ist sein heutiger Staatsschuldenberg. In der EU-28 sind es insgesamt 12.400 Mrd Euro, knapp unter 100% des BIP. Trotz Fiscal Compact, Schuldenbremse und Maastricht-Kriterien (max. 3% Neuverschuldung erlaubt) sinkt diese Schuldenmenge auch unter den gegenwärtigen günstigen Bedingungen nur wenig. Über 70 Mrd. Euro muss der italienische Staat den Besitzern der Staatstitel jährlich überweisen. Italien hat sich in seiner Verfassung zum Haushaltsausgleich verpflichtet (Art.82), doch die Neuverschuldungsrate sank seitdem nur gering. Ein rascher Schuldenabbau wäre zudem fatal für Wirtschaft, Unternehmen und Beschäftigung.
Andererseits wehren sich die stabileren Partnerstaaten der Eurogruppe gegen eine Vergemeinschaftung der Schulden. Hohe Schulden bedeuten hohe Lasten und hohe Risiken: damit liefern sich Staaten den Finanzmärkten aus, wie in der Krise 2007-08 dramatisch erlebt. Wie kommt es zu dieser übermäßigen Staatsverschuldung? Welche Wirkungen hat die öffentliche Verschuldung und wer profitiert davon? Lassen sich diese Schuldenberge jemals abbauen? Ohne öffentliche Schulden kein Wachstum, keine Vollbeschäftigung?

5 „Too big to fail“:

Wie lange müssen wir noch Banken retten?

Dienstag, 24.4.2018, 18-20 Uhr
Erich Innerbichler
Direktor RAIKA Bozen,
Raiffeisenverband
Helmut Bachmayer
Gründer und Vorsitzender des Fördervereins Ethical Banking
Moderation
Thomas Benedikter

Mit „Wir“ sind die Steuerzahler gemeint, denn von 2015 bis 2017 hat der italienische Staat mindestens 31 Mrd. Euro für die Rettung von sieben von der Pleite bedrohten Banken aufgebracht, und zwar aus Steuermitteln. Sie wurden wie die italienische Traditionsbank Monte dei Paschi di Siena für systemrelevant gehalten und vom Staat gerettet genauso wie die Schweizer UBS und die Deutsche Bank. Ihr Bankrott, so sagt man, würde eine Kettenreaktion auslösen, die Millionen von Sparern und gar das Bankensystem als solches mitreißen könnte. So können Großbanken wieder Spekulationsgeschäfte betreiben, überzogene Risiken eingehen, astronomische Managergehälter zahlen, denn sie wissen: wenn es schiefgeht, steht der Staat zur Rettung bereit. Nun haben die EU und EZB die Kontrollen verschärft, die Bankenunion geschaffen, den Banken mehr Eigenkapital verordnet: doch reicht diese Bankenregulierung aus? Warum lässt man Banken nicht einfach zu Lasten ihrer Eigner scheitern? Warum werden Banken nicht verkleinert, wenn sie zu groß und damit ein Risiko für die Sparer und Steuerzahlerinnen darstellen? Wie lässt sich dieser Systemfehler beheben? Was tun aus der Sicht der Bankkunden und Steuerzahlerinnen?

6 Nischenangebot oder das Kreditwesen der Zukunft?

Vom Ethical Banking zur Ethischen Bank

Dienstag, 8.5.2018, 18-20 Uhr
Claudio Campedelli
OIKOCREDIT Südtirol
Roland Furgler
Leiter Ethical Banking
RAIKA Bozen
Moderation
Thomas Benedikter

Die Anlageform des Ethical Banking sowie die Alternativbanken haben den Anspruch, Kredite nach ethischen Kriterien zu vergeben. Maßstäbe sind ökologische, soziale, entwicklungs- und friedenspolitische Ziele. In Südtirol sind in diesem Bereich eigene Kreditinstitute und traditionelle Banken wie die Raiffeisenkassen mit eigenen Abteilungen aktiv. Geht es um bloße Nischenprodukte fürs ethisch sensible Kundensegment? Warum unterwerfen sich die Banken nicht insgesamt ethischen Investitions- und Anlagekriterien? Ist es gar erforderlich, solche Kriterien per Gesetz vorzuschreiben und nur mehr ethische Banken zuzulassen? Wie lässt sich das ethisch korrekte Geschäft einer Bank überhaupt von seinem „unethischen Bereich“ abgrenzen? Was bringt das neue Konzept einer demokratischen Bank, das soeben in Österreich aufgebaut wird? OIKOCREDIT ist eine internationale Genossenschaft, die sich für weltweite Gerechtigkeit einsetzt, mit Sitz in den Niederlanden. Wie arbeitet sie, was hat sie erreicht, wie geht sie vor?

7 Die Geldschöpfung in öffentlicher Hand

Bankengeld oder Vollgeld?

Dienstag, 22.5.2018, 18-20 Uhr
Thomas Benedikter
POLITiS, Buchautor zum Thema
Stefan Jenewein
Gesellschaft für angewandte Wirtschaftsforschung,
Lehrbeauftragter an der Universität Innsbruck
Moderation
Hans Schwingshackl

Die meisten Menschen wissen nicht, wer heute das meiste umlaufende Geld herstellt. Allgemein wird geglaubt, es stamme von der Zentralbank und von der Regierung, doch dies gilt nur für Banknoten und Münzen. Das elektronische Giralgeld, das bald 90% der umlaufenden Geldmenge ausmacht, ist ausschließlich Bankengeld, eigentlich nur ein Versprechen, Bargeld bei Bedarf auszuzahlen. Die Banken sind es auch, die sich den Gewinn aus der Geldschöpfung aneignen. Bankengeld entsteht durch Kreditgewährung, also durch Schulden. Gibt es auch eine schuldfreie Ausgabe von elektronischem Geld? Der Staat hat vor mehr als 100 Jahren das Monopol für die Ausgabe von Banknoten übernommen, doch das inzwischen weit wichtigere Giralgeld hat er privaten Unternehmen überlassen, mit vielen gravierenden Folgen fürs Geldsystem und die Finanzmärkte. Was bedeutet dieser Umstand für das Funktionieren der Geldpolitik? Muss das so sein? Gibt es Alternativen? Das Vollgeldsystem liefert die zeitgemäße Antwort.

8 Alles unter Kontrolle unter der Südtiroler
Banken-Dreifaltigkeit?

Die Südtiroler Bankenwelt

Dienstag, 5.6.2018, 18-20 Uhr
Gerald Mair
ehem. Vize-Generaldirektor der Mediocredito-Investitionsbank Trentino-Südtirol
Walter Andreaus
Direktor der Verbraucher-
zentrale Bozen
Moderation
Thomas Benedikter
Hans Schwingshackl

Die Banca d’Italia bescheinigt den Südtiroler Banken eine hohe Stabilität und Solidität. Die drei großen einheimischen Banken Sparkasse, Volksbank und Raiffeisen-Landesbank (bzw. die Raiffeisenkassen) beherrschen den Kreditmarkt. Eine Idealsituation, die die Südtiroler Wirtschaft optimal mit Kredit eindeckt und die Südtiroler Bankkunden bestens mit Finanzdienstleistungen versorgt? Oder eine Gefahr für den Wettbewerb, weil nur drei Kreditinstitute den Markt kontrollieren? Wie steht es um die Rechte der Bankkundinnen in dieser Bankenlandschaft? Wem gehören diese Banken eigentlich? Wie hat sich diese Bankenwelt in den letzten Jahrzehnten entwickelt?
Das Vorgehen der Südtiroler Banken ist nicht unumstritten: Die Südtiroler Sparkasse ist in den letzten Jahren nach gewagten Expansionsversuchen außerhalb des Landes ins Strudeln geraten und schrieb beträchtliche Verluste. Wie ist es zu dieser Krise gekommen und wer trug die Verantwortung dafür? Das Netz der Raiffeisenkassen scheint als Verbund von Genossenschaftsbanken ideal, um das Südtiroler Kreditwesen von der Abhängigkeit von auswärtigen Großbanken freizuhalten. Wie sind diese Genossenschaftsbanken organisiert und was ändert sich durch die Bildung einer neuen Holding? Welche Chancen haben alternative Ethik-Banken?